Claudia Freyer / Illustratorin & Schriftstellerin
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Von Engeln und Schlangen
Science-Thriller

Seine Turnschuhe quietschten auf dem Boden, als er zielstrebig auf seine Wohnungstür zumarschierte. Am Ende des Gangs war leise brummend ein Reinigungsroboter damit beschäftigt, die Steinplatten zu bohnern. Tim sah über die Schulter durch den makellos weißen Flur, bemerkte aber nichts Auffälliges. Trotzdem fühlte er sich verfolgt. Nervös beobachtete er das Hin und Her des Roboters. Der beendete seine Arbeit bald darauf und rollte fiepend an ihm vorbei zu den Aufzügen. Tim wartete, bis er hinter einer Fahrstuhltür verschwunden war, erst dann tippte er einen Nummerncode in das Zahlenfeld des Touchscreens ein. Dabei sah er sich noch einmal nach allen Seiten um, obwohl er sich sicher war, dass niemand ihn verfolgt hatte. Tim atmete tief ein, trotzdem hatte er das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen. Ein Ring wie aus Eisen schnürte seine Brust ein. Beim Ausatmen hörte er, wie die Entriegelung klackte. Mit einem leichten Druck stieß er die weiß gestrichene Tür auf. Aber er zögerte, seine Wohnung zu betreten.
Verdammte Paranoia!, dachte Tim verärgert. Hastig inspizierte er die kleine  Diele. Da war der Spiegel, da die Kleiderhaken, da das Bord mit den Schlüsselkarten, alles wie immer. Er sah auf den Boden. Der kleine Läufer lag an Ort und Stelle. Schon wollte Tim einen Schritt nach vorn machen, als sein Blick noch einmal zum Teppich zurückkehrte. Der Kelim hatte zwei Falten. Zwei Falten, die ganz sicher nicht da gewesen waren, als er den Raum verlassen hatte.
Zwei Falten.
Tim japste nach Luft, seine Nasenflügel weiteten sich. Trotzdem glaubte er zu ersticken. Jemand war in seiner Wohnung gewesen. Oder sogar noch dort.
Tims Beine begannen zu zittern, Panik spülte seinen Verstand fort. Ohne nachzudenken rannte er los, durch den Flur, zum Treppenhaus, weg, nur weg. Als er die Glastür aufstieß, hörte er hinter sich Schritte — schnelle, hastige Schritte, einem Trommelwirbel gleich. Tim schaute zur Seite und sah durch die Glaswand zwei Männer, dezent gekleidet, so dezent gekleidet, dass er sofort wusste, woher sie kamen.
Tim rannte. Er war im Vorteil, kannte das Treppenhaus, die Anzahl der Stufen. Tausende Male schon war er hier hinabgelaufen. Den Fahrstuhl nahm er selten.
Sechster Stock, fünfter Stock, vierter Stock. Er hörte die Männer hinter sich keuchen. Das Echo ihrer Schritte vereinigte sich zu einer Fuge aus Klappern und Schlurfen, anschwellend, abschwellend, langsamer werdend.
Dritter Stock. Zweiter Stock. Erster Stock.
Die dezent gekleideten Chamäleons blieben zurück. Tim hatte sie abgehängt, doch er hörte, wie jemand einen Befehl bellte.
Erdgeschoss, Seitenausgang, hinaus ins Licht, in die Hitze.
Aus den Augenwinkeln sah Tim, wie zwei weitere Chamäleons direkt auf ihn zukamen. Er schlug einen Haken, trickste die Kerle aus, war schnell genug. Dann rannte er los, rannte sich die Seele aus dem Leib. Aus dem Hintergrund ertönte ein Befehl. Bald hörte Tim Motorengeräusche direkt hinter sich.

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