Claudia Freyer / Illustratorin & Schriftstellerin
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Schockwelle
Zwölf fantastische Kurzgeschichten


Der Kanarienvogel

Es war ganz leicht gewesen. Er hatte den Vogel aus dem Käfig genommen, vorsichtig, den zarten gelben Körper mit der einen Hand festgehalten, mit der anderen den Kopf umfasst und ihm dann, zack!, einfach den Hals umgedreht. Augenblicklich hatte das Trällern aufgehört. Danach berauschte er sich an der Stille, schenkte sich einen Whiskey ein und ließ sich auf seinen Lieblingssessel fallen.
Warum auch hatte seine Tochter ihm dieses Vieh vorbeibringen müssen? Jetzt lag es in einer komischen Körperhaltung auf dem Boden seines Käfigs.
»Pass gut auf ihn auf«, hatte sie gesagt. Hatte ihm einen Haufen Instruktionen erteilt, ihm alles genau gezeigt, so besorgt um das gelbe Trillerding, als sei es ihr Liebhaber. Er hatte verärgert gebrummt. »Drei Wochen«, sagte sie, »nur drei Wochen. Dann bin ich aus dem Urlaub zurück. Mensch Papa!«
Mensch Papa! Das war Laura, seine Tochter. Dieses verfluchte Luder. Für ihren Streich hätte er sie am liebsten hart rangenommen, so wie früher, als sie noch zu Hause gewohnt hatte und die Frau schon lange fort gewesen war. Damit hätte er ihr dieses hinterhältige Lächeln schnell aus dem Gesicht getrieben. Verfluchte Laura.
Anfangs hatte er sich sogar Mühe gegeben. Das Vieh gefüttert. Ihm Wasser hingestellt. Gutzigutzigutzi gemacht.
»Kanarienvögel«, hatte Laura gesagt, »sind sehr sensibel. Nur wenn man sie richtig pflegt, singen sie.«
So. Dann musste er das Vieh ja über alle Maßen gut pflegen, dachte er, denn es sang unentwegt. Er hörte es, wenn er morgens aufstand. Er hörte es beim Kaffeetrinken. Beim Zeitunglesen. Beim Pissen. Wenn er sich sein Mittagessen in der Mikrowelle warm machte, fernsah, wichste, sich die Zähne putzte. Er konnte nicht einschlafen deswegen. Er kaufte sich Ohrstöpsel, doch er hörte das penetrante Geträller immer noch. Verflixt!, dachte er, ist dieses Vieh denn niemals still? Er beschimpfte den Vogel. Der Vogel sang. Er schrie ihn an. Der Vogel sang. Er schüttelte seinen Käfig. Der Vogel sang. Und sang. Und sang.

Nach fünf Tagen verlor er die Nerven.

Die Stille, diese wunderbare Stille. Wie gut dieser Whiskey schmeckte. Er reckte sich. Seine Lieblingssendung fing bald an. Schnell den Fernseher angemacht und … aber was war das? Verdutzt starrte er auf seine Beine. Sie rührten sich nicht. Er konnte nicht aufstehen. Dabei fühlten sie sich ganz lebendig an, so lebendig, dass er glaubte, jedes einzelne borstige Haar auf der schuppigen Haut zu spüren. Sein Gehirn arbeitete aufgeregt, versendete Signal auf Signal, die Synapsen glühten, die Transmitter überschlugen sich. Aber seine Beine rührten sich nicht. Festgewachsen.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, nahm den letzten Schluck Whiskey. Ganz ruhig, dachte er. Nur nicht nervös werden. Das geht vorbei.
Aber es ging nicht vorbei. Er konnte seinen Beinen noch so oft befehlen, sich zu bewegen: Sie taten es nicht. Sein Kopf pochte vor Anstrengung. Schweiß rann von seinen Achseln hinunter zum Bauch. Er konnte die Angst darin riechen. Bleib ruhig, flehte er sich selbst an, bleib ganz ruhig!
Mit beiden Händen umfasste er sein rechtes Bein und versuchte es hochzuheben. Es ging nicht. Er versuchte es mit dem anderen Bein. Nichts. Versuchte es noch einmal. Nichts. Und noch einmal. Immer noch nichts. Er keuchte. Mit einem Ruck warf er sich zu Seite. Nichts. Der Sessel stand unverrückbar an seinem Platz. Er versuchte es wieder und wieder. Nichts. Keinen Millimeter hatte das Ding sich bewegt. Festgeschweißt. Verdammt! Plötzlich sprang die Panik ihm mitten ins Gesicht. Ein Zittern ging durch seinen Körper, sein Herz begann zu rasen, sein Atem stolperte, wurde schneller, immer schneller. Wie ein sterbendes Schwein begann er zu schreien. Eine Minute, vielleicht zwei, dann versagte seine Stimme, und sein Kopf sank auf die Brust.

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